Greifenwerkstatt - Wie geht das?

24.05.2020
von Maria-Eileen Diehr
Greifenwerkstatt - Wie geht das?
„Wir brauchen ein Umdenken im Miteinander. Es gibt nun mal schwache und starke Menschen. Wir müssen lernen, uns gegenseitig zu akzeptieren.“
Nico - Mitarbeiter der Greifenwerkstatt Greifswald

Der Pommersche Diakonieverein e.V. ist einer der größten Träger für Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Beeinträchtigungen in Mecklenburg-Vorpommern. Das Angebot reicht von sozialen Angeboten, Hilfe beim Thema Wohnen bis hin zur Unterstützung im Arbeitsleben. Denn Arbeit ist mehr als Broterwerb. Arbeiten bedeutet, seinen Teil zur Gesellschaft beizutragen, gebraucht und anerkannt zu sein. Der Pommersche Diakonieverein bietet zum einen durch Integrationsassistenz sowie zum anderen durch Zuverdienstprojekte Zugangswege zum Arbeitsleben in Unternehmen. Menschen, die aufgrund der Art und Schwere ihrer Behinderung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt tätig sein können, haben zudem die Möglichkeit in einem der 18 Bereiche der Greifenwerkstatt zu arbeiten. In den Fördergruppen erlangen sie lebenspraktische und elementare Kompetenzen und lernen durch Praktika verschiedene Arbeitsfelder kennen. Von der Tischlerei, über den Bio-Bauernhof bis zur Keramikwerkstatt oder auch der Näherei, stellen sie eigene Produkte her.

Um einen besseren Einblick in das Werkstattleben zu bekommen, machen wir uns auf den Weg, besuchen die verschiedenen Arbeitsbereiche der Greifenwerkstatt und lernen die Menschen kennen, die hier arbeiten. Als erstes treffen wir Marianne. Marianne
Marianne arbeitet mit Unterstützung von Ulrike in der Fördergruppe an Kleiderhaken
Sie arbeitet in der Fördergruppe und töpfert teils mit Unterstützung, teils selbstständig tönerne Haken, Perlen und Knäufe. Vieles von dem was Marianne und die anderen Mitarbeiter hier herstellen, wird später in anderen Werkstattbereichen genutzt und zu Schmuck oder an Garderoben und Möbeln weiterverarbeitet. Bunte Haken
Eine Sammlung bunter Haken für verschiedene Produkte wie Kleiderhaken, Handtuchhalter uvm...
Anschließend besuchen wir einen Ort, an dem die Stimmung nicht besser sein könnte ;) Es wird gewitzelt und gelacht, als wir das Kunstatelier PIX betreten. Im kreativen Chaos stapeln sich in den Ecken und an den Wänden die Bilder. Es riecht nach Farbe und Lösungsmitteln. Aus einem Nachbarraum brummt dumpf eine Maschine herüber. An das Atelier PIX werden regelmäßig größere und kleinere Aufträge vergeben. So haben die hier arbeitenden Künstler in den letzten Jahren etwa einen Wasserspielplatz gestaltet oder Bühnenbilder für verschiedene Events kreiert. Für Unternehmen bietet das Atelier PIX einen Kunst-Leasing-Service. Gegen eine monatliche Gebühr werden Kunstwerke vermietet und in regelmäßigen Abständen ausgetauscht. René im PIX Atelier
René arbeitet im Atelier PIX
René und seine Kollegen übermalen gerade ein altes Motiv, um die Grundlage für ein neues Bild zu schaffen. Moritz benutzt dazu verschiedene Techniken und Materialien, mit denen er immer wieder aufs Neue experimentiert. So entstehen Bilder, Kalender, Zeichnungen und Skulpturen, aber auch Vorlagen und Prototypen für andere Werkstattbereiche. Seit über zehn Jahren arbeitet er schon hier: „Ich kann hier zum Beispiel die aktuelle Situation auf’s Korn nehmen, ohne das sich jemand beleidigt fühlt. Meistens ist es schön ruhig hier. Und mir gefallen auch die Ausstellungseröffnungen und Veranstaltungen des Ateliers.“
Die Öffnung der verschiedenen Werkstattbereiche ist für den Pommerschen Diakonieverein e.V. zentral. Ob im Café und Restaurant Lichtblick, im Hotel Ostseeländer oder in der Näherei in der Greifswalder Innenstadt - im Zentrum stehen der direkte Kundenkontakt sowie Austausch und die Teilhabe der Mitarbeiter.

Am Ende des Tages besuchen wir die Keramikwerkstatt. Hier herrscht noch emsige Betriebsamkeit, denn soeben ist eine große Bestellung eingetroffen: 250 Christbaumanhänger in Form von kleinen Eisenbahnen. Mehrere Mitarbeiter sind mit den unterschiedlichen Arbeitsschritten beschäftigt. Während der eine die Glasur vorbereitet, bemalt der nächste bereits die ersten Waggons für die Kunden. Rainer erzählt, dass er hier endlich eine Arbeit gefunden habe, die zu ihm passt und die ihm Spaß mache. Nach einigen Praktika in anderen Werkstattbereichen, hat er vor etwa fünf Jahren hier angefangen. Der Umgang mit dem Material, die Arbeit mit den Händen und nicht zuletzt die Schönheit der fertigen Produkte machen für ihn den Reiz aus. „Und wenn ich dann mit Jutta auf dem Markt bin, zum Beispiel in Züssow auf dem Adventsmarkt, und wenn ich dann sehe, wie die Leute die Dinge in die Hand nehmen und drauf gucken und sagen ,Boah, das sieht ja toll aus!’ und etwas kaufen ...das ist dann das Sahnehäubchen auf die Arbeit obendrauf.“ Nico aus der Keramikwerkstatt
Nico aus der Keramikwerkstatt befüllt den Brennofen mit neuen Werkstücken
Im Nebenraum stehen in langen Reihen die Gussformen auf den Tischen. Das bereits glasierte Geschirr, das am Vortag gegossen wurde, wird parallel dazu von Nico in den Brennofen sortiert. Etage um Etage stapelt er Tassen, Teller und Schüsseln, um den Platz im Ofen optimal auszunutzen. Nico erzählt uns, dass er sich morgens oft zwingen muss aufzustehen, manchmal sei ihm dies aber auch nicht möglich. Trotzdem ermögliche ihm die Arbeit einen fast normalen Alltag: „Ich kann mich an Herausforderungen schrittweise heranwagen und mich dadurch gut entwickeln. Das Zwischenmenschliche unter meinen Kollegen tut mir gut. Nach der Arbeit versuche ich einzukaufen, unter Menschen zu sein. Um dem Rückzugszwang zu trotzen.“ Auch er verkauft seine Produkte gerne auf Märkten: „Wenn den Leuten meine Art der Gestaltung gefällt, ist das für mich eine Art Anerkennung. Über die Produkte kann ich mit den Kunden in Kontakt treten und dadurch meine Scheu vor Menschen schrittweise abbauen.“ Besonders wichtig sei es ihm dabei, den Kunden die Geschichten hinter den Waren zu erzählen und wer sie gefertigt hat: „Wir brauchen ein Umdenken im Miteinander. Es gibt nun mal schwache und starke Menschen. Wir müssen lernen, uns gegenseitig zu akzeptieren.“
Nico lässt uns nachdenklich zurück. Als ,schwach’ haben wir ihn nicht empfunden. Im Gegenteil, jeden Morgen zur gleichen Zeit aufstehen, ein geregelter Tagesablauf, Struktur – das, was für andere alltäglich ist, ist für ihn eine große Herausforderung. Aber er meistert sie, Tag für Tag. Und der Stolz, mit dem er und seine Kollegen uns von den Verkäufen erzählen, bestätigt auch uns in dem was wir tun. Es ist gut, dass die Produkte auf Märkten und im Werkstattladen des Pommerschen Diakonievereins e.V. angeboten werden. Doch gemeinsam können wir die tollen Produkte und beeindruckenden Geschichten noch mehr Menschen zugänglich machen. Das Internet ist längst ein ganz eigener gesellschaftlicher Raum und ein Warenhaus, in dem Menschen mit Behinderung und das was sie leisten, noch viel zu selten sichtbar sind. Gemeinsam können wir das ändern. Denn Inklusion bedeutet nicht Einschluss in bestehendes, sondern der Zusammenschluss von Vielfalt.

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