Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM)

Eine Behindertenwerkstatt oder „Förderwerkstatt“ versteht sich als gemeinnütziger Dienstleister. Die Organisationen dienen sowohl der Rehabilitation als auch der Integration von Menschen mit Behinderung. Werkstätten haben die Aufgabe, Menschen mit Handicap durch vielfältige Förder- und Qualifizierungsmaßnahmen die Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Vorläufer solcher Institutionen gab es bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Die früher gebräuchlichen Bezeichnungen „Beschützende Anstalten“ oder „Geschützte Werkstätten“ deuten auf die damals vorherrschende Meinung hin, Menschen mit Behinderung müssten vor der „rauen Wirklichkeit der Wirtschaft“ bewahrt werden. Die Einstellung dazu änderte sich in den letzten Jahren zunehmend und das Ziel der Inklusion rückte in den Vordergrund. Die Werkstätten fördern Menschen mit Behinderung und bieten ihnen Bildung und Arbeit, denn auch heute haben viele aufgrund der Art und Schwere ihrer Behinderung kaum eine Chance, eine reguläre Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden. In einer Werkstatt können sie am Arbeitsleben teilhaben, sind unabhängiger und gewinnen mehr Selbstvertrauen. „Werkstätten für behinderte Menschen“, kurz WfbM genannt, bieten beispielsweise im Projekt „Soziale Manufakturen“ nachhaltige, lokale und von ihren Mitarbeitern liebevoll handgemachte Produkte an. Im zugehörigen Internetshop oder auf Märkten erwerben Interessierte Artikel wie Konfitüren, Tees oder spezielle Essige.


Behindertenwerkstätten in Deutschland – Definition, Merkmale und Aufgaben

Das Bundesteilhabegesetz (BTHG) definiert eine Behindertenwerkstätte als Einrichtung zur „Teilhabe behinderter Menschen am Arbeitsleben, die aufgrund ihrer Einschränkung nicht, noch nicht oder noch nicht wieder auf dem regulären Stellenmarkt tätig sein können“. Sie erbringt damit eine sogenannte „Eingliederungsleistung“. Werkstätten für Menschen mit Behinderung sollen einen gewissen Chancenausgleich für ihre Beschäftigten gegenüber Mitbewerbern ohne Behinderung schaffen. Ziel ist es die Leistung und Erwerbsfähigkeit der Menschen mit Behinderung zu erhalten, entwickeln und zu erhöhen sowie die eigene Persönlichkeit weiterzuentwickeln.


Was ist eine Behindertenwerkstätte?

Eine WfbM stellt keinen gewinnorientierten Betrieb dar, sondern eine Einrichtung zur beruflichen Rehabilitation. Nicht der Umsatz steht bei einer solchen Einrichtung im Vordergrund, sondern die Unterstützung und Integration der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese entwickeln sich in einem barrierefreien Umfeld persönlich wie beruflich weiter. Um die gestellten Anforderungen zu erfüllen, muss eine Werkstatt neben dem breiten Angebot an verschiedenen Arbeitsplätzen über geeignetes Personal verfügen. Der sogenannte „Begleitende Dienst“ stellt körperliche Gesundheit und seelisches Wohlbefinden der Menschen mit Behinderung sicher. So werden die Beschäftigten von Ärzten, Sozialarbeitern, Ergotherapeuten oder Psychologen begleitet.


Wie finanziert sich eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung?

Die WfbM gelten als Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation und Eingliederung. Daher werden sie durch Rehabilitationsträger finanziert. Diese sind Träger der Leistungen zur Teilhabe nach dem SGB IX. Im Eingangsverfahren und Berufsbildungsbereich werden die Leistungen durch die Bundesagentur für Arbeit, die Unfallversicherungsträger, die Rentenversicherung oder Träger der Kriegsopfervorsorge erbracht. Einen großen Beitrag erwirtschaften die Behindertenwerkstätten allerdings selbst, etwa durch den Verkauf der dort hergestellten nachhaltigen Produkte und erbrachten Dienstleistungen. In hoher Qualität stellen die sozialen Manufakturen beispielsweise handgefertigte Möbel, nachhaltiges Kinderspielzeug, Kerzen, Seifen oder Lebensmittel her. Der wirtschaftliche Erfolg einer Werkstatt kommt über die Erhöhung der Arbeitsentgelte auch den Beschäftigten zugute.


Wie viele WfbM gibt es in Deutschland?

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM), die bundesweite Interessenvertretung der WfbM, nennt auf ihrer Internetseite für das Jahr 2018 folgende Zahlen: In den 683 Hauptwerkstätten und 2.884 Betriebsstätten arbeiteten zu diesem Zeitpunkt 312.389 Beschäftigte. Rund 75 Prozent der in den Einrichtungen tätigen Menschen gelten als geistig behindert.


Wer darf in einer Behindertenwerkstatt arbeiten?

Die Aufnahmevoraussetzung für eine solche Einrichtung ist unter anderem der Nachweis einer Erwerbsminderung oder Erwerbsunfähigkeit. Vor allem Menschen mit geistigen Behinderungen, in den letzten Jahren jedoch auch zunehmend mit einer oder mehreren psychischen Behinderungen, machen einen großen Teil der Werkstattbeschäftigten aus. Als weiteres Kriterium legt der Gesetzgeber fest, dass die betreffenden Personen ein „Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeit“ zu leisten vermögen. Der Pflegeaufwand muss sich in Grenzen halten. Schwer- beziehungsweise Schwerstbehinderte nimmt die Verordnung daher aus.


Werkstätten für Menschen mit Behinderung – die einzelnen Träger und Betreiber

Als bundesweite Interessenvertretung der WfbM agiert die 1975 gegründete Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e. V.. Dieser freiwillige bundesweite Zusammenschluss dient seinen Mitgliedern als Berater in wichtigen fachlichen und politischen Fragen. Über 90 Prozent aller deutschen Werkstätten sind hier organisiert.Als die bundesweit größten Träger dieser Fördereinrichtungen gelten insbesondere, 

  • die Caritas, der Wohlfahrtsverband der katholischen Kirche in Deutschland,
  • das Deutsche Rotes Kreuz, eine der größten Sozial-, Pflege- und Hilfsorganisationen des Landes,
  • die Bundesvereinigung Lebenshilfe, ein überregionaler Selbsthilfe- und Trägerverband für Menschen mit geistiger Behinderung,
  • die Diakonie, der Wohlfahrtsverband der evangelischen Kirche in Deutschland,
  • die Camphill-Bewegung, eine heilpädagogische Initiative für Lebens- sowie Schulgemeinschaften und
  • die Samariterstiftung, eine gemeinnützige Einrichtung der Alten- und Behindertenhilfe sowie Sozialpsychiatrie in Baden-Württemberg.

Neben diesen großen Trägern bieten auf regionaler Ebene zahlreiche kleinere Häuser und weitere Organisationen ihre Dienste an, etwa

  • Regens Wagner,
  • Jura-Werkstätten und
  • verschiedene Häuser der Arbeiterwohlfahrt, kurz AWO.


Vielfalt in jeder Hinsicht – die Arbeitsbereiche der Werkstätten für Menschen mit Behinderung

So verschieden wie die beschäftigten Menschen in den Behindertenwerkstätten, so breit zeigt sich die Palette ihrer Arbeitsbereiche und Produkte. Das Sortiment umfasst beispielsweise

  • Schneidereien und Textilwerkstätten,
  • Schreinereien und Tischlereien,
  • Metallwerkstätten beziehungsweise metallverarbeitende Abteilungen,
  • Weberei
  • Gärtnerbetriebe,
  • Cafés 
  • Töpfereien und Keramikwerkstätten,
  • Wiederverwertung und Upcycling,
  • Buchbindereien und nicht zuletzt
  • Kunst- sowie Kreativwerkstätten für „Schönes“ aller Art.


Mehrere der Werkstätten betreiben eigene Landwirtschaft und Viehzucht. Die hier angebauten und hergestellten Lebensmittel verkaufen sie zum Teil in vor Ort eingerichteten Läden oder auf Wochenmärkten. Der bewusste Verbraucher schätzt die regionalen Erzeugnisse wie Eier, Milchprodukte oder Marmelade auf seinem Einkaufszettel und Speiseplan. Die WfbM übernehmen zudem Lohn- und Auftragsarbeiten für andere Betriebe. So fertigen und versenden sie unter anderem aus der eigenen Handbuchbinderei oder Textilwerkstatt bedruckte Kugelschreiber, Stoffbeutel, Notizbücher oder Mappen als Marketingartikel. Daneben erledigen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Werkstätten diverse Sortier-, Verpackungs- und Versandtätigkeiten für Firmen. Sie erfassen Daten, nehmen Archivierungen vor und vieles andere mehr. Der Auftraggeber der Leistungen kann einen gewissen Anteil der so entstehenden Kosten durch eine verminderte Ausgleichsabgabe steuerlich geltend machen. Das soziale Engagement zahlt sich dadurch für ihn aus. Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung stellen mittlerweile wie überall in der Gesellschaft bei den Behindertenwerkstätten ein großes Thema dar. „Upcycling“ liegt voll im Trend. Die Beschäftigten arbeiten defekte Fahrräder und Paletten wieder auf oder verwandeln abgelegte Bekleidung in Taschen sowie Beutel. Sie gestalten Schlüsselbretter aus alten Büchern und praktische Magnettafeln aus Fensterrahmen. Neben Gebrauchsgütern und Lebensmitteln entstehen in den Einrichtungen Dekorationsobjekte und außergewöhnliche Geschenkartikel. Spielsachen, bunte Kerzen in allen Varianten und handgemachte, duftende Seifen sind nur einige Beispiele dafür. Durch diese Vielfalt können die Werkstätten Neigungen und individuelle Fähigkeiten der hier arbeitenden Menschen weitgehend berücksichtigen und damit gezielt auf ihre Bedürfnisse eingehen.


Etwas ganz Besonderes: die unverwechselbaren Eigenprodukte der Behindertenwerkstätten

Neben „altbekannten“ Erzeugnissen der Fördereinrichtungen wie den Besen oder Bürsten aus Blindenwerkstätten, schaffen die Menschen mit Behinderung hier bemerkenswerte Eigenprodukte und echtes Design mit Charakter. So entstehen etwa handgefertigte Möbel aus Massivholz wie Hocker und Bänke oder praktisches, „mitwachsendes“ Mobiliar für Kinder. Großer Beliebtheit bei Eltern, Großeltern und Paten erfreut sich das ausgesuchte Holzspielzeug und Gesellschaftsspiele. Gerade in diesem sensiblen Bereich achtet die Qualitätssicherung der Behindertenwerkstätte bei Farben und Oberflächen auf schadstofffreie Materialien ohne giftige Zusätze. Kleine und große Mitbringsel, pfiffige Spielideen und edle Dekoartikel für Haus, Balkon und Garten sind ebenfalls in jeder Preiskategorie erhältlich.

Wer für seine Lieben innovative und hochwertige Geschenke sucht, die es nicht überall gibt, findet vor Ort sowie im Internet ebenfalls eine große Auswahl. Zahlreiche Geschäfte und Online-Shops führen mit den Fabrikaten aus deutschen Manufakturen der Werkstätten klassisches Design abseits von Massenware, Ramsch und Billigartikeln. Bewusste Konsumenten legen heute zunehmend Wert auf faire Herstellungsbedingungen und die regionale Herkunft ihrer Neuanschaffungen. Diese Anforderungen und Wünsche erfüllen die Werkstätten für Menschen mit Behinderung mit ihren angebotenen Artikeln sowie Dienstleistungen. Hier erwerben die Kunden hohe Qualität, nachhaltige Produkte und Handgemachtes aus Deutschland. Gleichzeitig tun sie Gutes und unterstützen die Arbeit von Menschen mit Behinderung.

Die Behindertenwerkstätten in Deutschland ermöglichen ihren Beschäftigten die Teilhabe am gesellschaftlichen und beruflichen Leben. Durch einen geregelten Tagesablauf, konkrete Aufgaben und die Vergütung ihrer Leistung gewinnen sie an Selbstwertgefühl. Außerdem werden sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt.Der Verbraucher hat es in der Hand, diese Einrichtungen durch ein bewusstes Konsumverhalten zu stärken und damit den Fortbestand zu sichern. Mit dem Kauf erhält er einerseits ein schönes, handgefertigtes Produkt und leistet gleichzeitig seinen Beitrag zu einer inklusive Gesellschaft.


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